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Award / Auszeichnung | 06/2019

Deutscher Architekturpreis 2019

Erweiterung und Sanierung Schloss Wittenberg

DE-06886 Lutherstadt Wittenberg, Schloßplatz 1

Deutscher Architekturpreis 2019

Preisgeld: 30.000 EUR

Bruno Fioretti Marquez

Architektur

ifb frohloff staffa kühl ecker

Tragwerksplanung

AADe Atelier für Architektur & Denkmalpflege

Architektur

DGI Bauwerk Gesellschaft von Architekten mbH

Architektur

Projektdaten

  • Gebäudetyp:

    Tourismus, Gastronomie

  • Projektgröße:

    keine Angabe

  • Status:

    Realisiert

  • Termine:

    Fertigstellung: 01/2017

Projektbeschreibung

Das Schloss Wittenberg blickt als baugeschichtliches Zeugnis auf eine Historie von mehr als 800 Jahren zurück, die allesamt ihre Spuren hinterlassen haben. Friedrich dem Weise baute an Stelle der einstigen Burg ein Residenzschloss, das dann im frühen 19. Jahrhundert zur Festung und Kaserne umgebaut und im 20. Jahrhundert als Archiv, Museum und Jugendherberge genutzt wurde. Seit Anbeginn ist der Sakralbau integrativer Bestandteil der Schloss- und Befestigungsanlage. Zum Reformationsjubiläum 2017 wurde das Schloss umgebaut und saniert. Neben einer ebenerdigen Anbindung an die Schlosskirche wurden ein Besucherzentrum, ein kulturhistorischer Rundgang, der die ehemaligen Wohnräume des Fürsten im Südturm mit einbindet, eine theologische Ausstellung, eine Forschungsbibliothek mit zugehörigem Magazin und wertvollen Buchbeständen sowie das Predigerseminar in dem historischen Bestand installiert.
Unser theoretisch-konzeptioneller Ansatz bei dem Umbau des Wittenberger Schlosses basiert auf unserem Verständnis von dem Gebäude als eine Art architektonisches Palimpsest.
Der Begriff Palimpsest steht für ein mehrfach beschriebenes Pergament, dessen Oberfläche - der geschriebene Text - immer wieder abgeschabt wurde, damit es neu beschrieben werden konnte. Ebenso wie das Pergament hat die historische Bausubstanz im Laufe der Jahrhunderte Veränderungen und Überformungen erfahren, die sich zeitlich und räumlich überlagern und sich anhand von Mustern und Spuren abzeichnen. Für uns gewinnt das Gebäude erst in seiner Ganzheit, mit all seinen Geschichten und Ablagerungen, seinen Wert: nicht trotz, sondern genau wegen der Fragmentierungen wird es zu einem „Datenträger“, in den die Transformationen der Zeit eingeschrieben sind. Das Gebäude kann als ein Buch des Wandels gelesen werden.
Für die erneute Nutzungsänderung und Erweiterung des Gebäudes entwickelten wir Strategien, die einerseits den zeitgemäßen Nutzungen gerecht werden und gleichzeitig die Lesbarkeit der ehemaligen typologischen Spuren erhalten und sogar verstärken.
Aufgrund der Komplexität des Gebäudes, seinen überlagernden Sedimenten und dem heterogenen Raumprogramm, wendeten wir mit dem „Editing“, „Deleting“ und „Post-scriptum“ unterschiedliche Strategien an, die den jeweiligen spezifischen Situationen angepasst waren.
Als Beispiel für das „Post-scriptum“ stehen die neuen Räumlichkeiten für das Predigerseminar, die als „zusätzliche Information dem vorhandenen ‚Manuskript’ hinzugefügt wurden. In monolithisch konstruierten Leichtbetonkuben untergebracht, die sich als Neuinterpretation von historischen, klösterlichen Anlagen im Wechsel mit offenen Patios auf dem Dach entlang eines Kreuzgangs entwickeln, konnte der Neubau auf dem bestehenden Tragwerk abgelastet werden.

Beurteilung durch das Preisgericht

Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat, Horst Seehofer: „Die Weiterentwicklung des Schlosses Wittenberg zeigt auf beeindruckende Weise, dass moderne Architektur mit einem jahrhundertealten Kulturdenkmal im Einklang stehen kann. Der Umbau wertet einen der wichtigsten kulturhistorischen Orte Wittenbergs auf und wird das Stadtbild für lange Zeit prägen. Ich gratuliere den Preisträgern und danke den Bauherren für ihr Engagement.“
Barbara Ettinger-Brinckmann, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer: „Die Verschmelzung von moderner Architektur mit sehr altem Bestand ist immer besonders spannend. Das Büro Bruno Fioretti Marquez aus Berlin zeigte, wie mit furchtlosen und gleichzeitig sehr respektvollen Eingriffen das Schloss renoviert, ergänzt und in neue Nutzungen überführt werden konnte. In unserem großen Gebäudebestand schlummern nicht nur die Vergangenheit, sondern auch erhebliche Energieressourcen.. Deshalb müssen wir unseren Bestand mit Kreativität und Sensibilität in die Zukunft gerichtet entwickeln. Für diese wichtige gesellschaftliche Aufgabe sind Architekten und Stadtplaner in der ganzen Breite ihres Tätigkeitspektrums die richtigen Partner. Ich freue mich, dass die diesjährigen Auszeichnung dies so deutlich macht.“