Neue Büros braucht das Land. Das fordern Sie, Herr Teunen, in Ihrem Buch „Officina Humana“. Warum ist das nötig?
Für viele Menschen ist der Arbeitsplatz der Ort, an dem sie die meiste Zeit ihres wachen Daseins verbringen. Das Büro ist der wichtigste Arbeitsraum der Gegenwart. Leider werden etwa 90 Prozent aller Arbeitsplätze von wirtschaftlicher Rationalität dominiert. Für ihre Einrichtung und Gestaltung wird oft nur ein minimales Budget eingesetzt, an Qualität und Platz wird gespart. Das erzeugt negativen Stress und vernichtet Lebensqualität. Arbeitskraft, Motivation und Kreativität leiden darunter. Die meisten Büros gleichen in meinen Augen Wüsten oder Toträumen, die den Menschen schwächen und ihn krank machen. Das Büro ist die Terrorzelle der Gegenwart.
Nach einer Studie der „Comission for Architecture and the Built Environment (CABE)“ sind nur 39 Prozent aller Beschäftigten der Meinung, dass beim Einrichten ihres Büros der Mensch und seine Bedürfnisse berücksichtigt wurden. Dabei betrachten 94 Prozent ihr Arbeitsumfeld als Symbol dafür, ob sie vom Arbeitgeber wertgeschätzt werden.

Das hört sich nach einer großen Unzufriedenheit an, die durch schlecht gestaltete Büros entstehen kann.
Ja, genau das kann passieren. Qualität im Umfeld und im Umgang sind Wissenschaftlern zufolge die wichtigsten Faktoren für Zufriedenheit, Glücksgefühle und Motivation. Ein schönes, stimmiges Büro kann ebenso zu einer positiven Stimmung führen wie ein freundlicher, wertschätzender Chef.
Nach der Gallup-Studie zur Arbeitsqualität aus dem Jahr 2014 ist die Stimmung in unseren Büros aber wirklich mies: Nur 15 Prozent gaben an, bei ihrer Arbeit begeistert zu sein. 70 Prozent machen Dienst nach Vorschrift, und 15 Prozent haben bereits innerlich gekündigt. Das klingt für mich nach einer wirklich müden Truppe. Damit lässt sich doch kein Unternehmen zum Erfolg führen.

"Die meisten Büros gleichen Wüsten oder Toträumen, die den Menschen schwächen und ihn krank machen. Das Büro ist die Terrorzelle der Gegenwart."
Jan Teunen

Was müsste eine Bürogestaltung denn beachten, um für eine bessere Stimmung zu sorgen?
Sie müsste den Menschen mehr in den Mittelpunkt stellen und sein Verlangen nach Geborgenheit sowie seine individuellen Bedürfnisse berücksichtigen. Die Büroarbeit verändert sich gerade stark. Die Digitalisierung und Mobilisierung führen zu einem Wandel. Früher war der Sinn eines Büros vor allem die Bereitstellung eines Arbeitsplatzes. Heute können dank Laptop, Smartphone und Internet nahezu alle nötigen Infrastrukturen fast überall aufgerufen werden. Deshalb spielen Büros heute eine andere Rolle.

Und wie sieht diese neue Rolle der Büros aus? In Ihrem Buch steht: Die Virtualisierung der Arbeitswelt macht aus dem Büro eine Lifestyle-Location für Kommunikation und Begegnung.
Ich denke, das Büro wird in Zukunft stärker als Ort sozialer Begegnungen und stimulierender Arbeitsatmosphäre erlebt werden, wenn dazu die Räume stimmen, wenn sie eine möglichst schöne Umgebung für die Mitarbeiter schaffen. Das ist auch eine Aufgabe der Architekten von Bürogebäuden.

Raum der Stille auf dem Firmencampus von Thyssenkrupp (JSWD Architekten
/ Chaix & Morel)

Raum der Stille auf dem Firmencampus von Thyssenkrupp (JSWD Architekten / Chaix & Morel)

Was sollten Architekten konkret beachten, um bessere Büros zu erschaffen?
Die Kunst guter Büroarchitektur wird sich daran zeigen, in welchem Maß es gelingt, die individuellen Bedürfnisse der Arbeitenden mit den Erfordernissen eines Unternehmens in einer stimmigen Raumordnung zu vereinen.
Ein paar Dinge gibt es meiner Ansicht nach, die nahezu jedes Büro heute benötigt: Räume, in denen konzentriert und kreativ gearbeitet werden kann, Orte zum Austausch mit anderen, aber auch Rückzugsmöglichkeiten, Plätze zur Inspiration und zum Entspannen. Individualität spielt vor allem bei den kreativen Arbeitsplätzen eine Rolle, die nach eigenem Gusto der Mitarbeiter gestaltet werden dürfen. Ein Raum für kreatives Arbeiten sollte etwas von einem Atelier oder einem Labor haben.
Gelungene architektonische Elemente moderner Büros finde ich zum Beispiel im „Raum der Stille“ auf dem neuen Firmencampus von Thyssen-Krupp. Bereichernd sind auch Unternehmensgärten wie zum Beispiel von Weleda in Schwäbisch-Gmünd. Gute Bürogebäude sind in meinen Augen auch die Airbnb-Zentrale in Dublin sowie das Microsoft-Headquarter in Washington. Sie verbinden Funktionalität und Ästhetik, bieten flexible und innovativ gestaltete Räume für die ganze Bandbreite an Aktivitäten und Bedürfnissen in modernen Büros.

Die Airbnb-Zentrale von heneghan peng architects in Dublin

Die Airbnb-Zentrale von heneghan peng architects in Dublin

Aber nicht jedes Unternehmen kann sich einen Büroneubau oder ‑umbau dieser Klasse leisten. Was sollten kleinere Firmen mit weniger Budget für ihre Büros und Mitarbeiter tun?
Natürlich gibt es auch günstige Lösungen, Büros besser zu gestalten. Eine Maßnahme, um eine Büroumgebung schnell und einfach aufzuwerten, ist zum Beispiel der Einsatz von Wandfarbe. Oder die Öffnung zur Natur mit gezielter Platzierung von Pflanzen oder Wasserquellen. Auch Kunstwerke können ein Büro positiv verändern.
Im Idealfall entscheiden die Mitarbeiter gemeinsam, wie sie ihr Büro verändern und einrichten möchten. Genauso wichtig ist es aber, dass hinter der Umgestaltung ein durchdachtes Konzept steckt und nicht nur halbherzig vom Unternehmer ein paar Sessel oder ein Kickertisch in den Flur gestellt werden.
Das ist eine Frage des Wollens und Bewusstseins. Noch herrscht in vielen Unternehmen eine große Unwissenheit über die Auswirkung der Büroumgebung auf ihre Mitarbeiter – und die Möglichkeiten, diese zu verbessern. Das möchte der Arbeiter Samariter Bund mit der Herausgabe des Buchs „Officina Humana“ und der Gründung der gleichnamigen Beratungsgesellschaft ändern.

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Das Herbeiführen einer guten Büroraumqualität ist keine Geldfrage. 5 Tipps von Unternehmensberater Jan Teunen
 

Mit einfachen Mitteln lässt sich viel bewegen

Oft können zum Beispiel bereits der geschickte Einsatz von Farbe, die Integration von Natur und von Kunst, stimulierende Gedanken in guter Typographie oder auch ein Gedicht an Wänden Wunder bewirken.


Balance halten

Eine stimmige Balance von Farben und Formen, von Materialien und Texturen und die Polarität von Licht und Schatten können viel ausrichten.


Temperatur und Luftfeuchte

Neben einer guten Raumgröße mit ausreichenden Zwischenräumen sind weitere wichtige Punkte die richtige Arbeitstemperatur (zwischen 21 und 23 Grad Celsius), eine Luftfeuchtigkeit von etwa 50 Prozent und gute Luft (Luftzirkulation und Luftbewegung maximal 0,1 m pro Sekunde).


Licht und Akustik

Das Licht darf weder gleichbleibend noch ermüdend sein, sondern muss stimulierend wirken. Sowohl die klimatischen Bedingungen als auch das Licht im Raum sollten individuell justierbar sein.

Auch eine gute Akustik spielt bei der Raum-Qualität eine bedeutende Rolle. Der Lärmgrenzwert von 55 Dezibel sollte unbedingt einhalten werden und dort, wo konzentriert gearbeitet wird, maximal 45 Dezibel betragen.


Haptische Qualitäten und Patina

Bei den im Büro verwendeten Materialien sollte auch an die haptische Qualität (Holz, Textil, Papier) gedacht werden sowie an ein gewisses Maß an Patina. Es sollte also Produkte integriert werden, die würdig gealtert sind.

Es klingt ungewöhnlich, dass der Arbeiter Samariter Bund eine professionelle Beratung für die Bürogestaltung anbietet. Wie ist es dazu gekommen?
Als Wohlfahrtsverband möchte der ASB Menschen in Not konkrete Hilfe leisten. Zurzeit sind viele Hilferufe aus den Büros zu hören: Dort greifen vermehrt psychische Erkrankungen, Depressionen und Unzufriedenheit um sich. Deshalb wirbt der ASB dafür, Büroräume so zu gestalten, dass sie den Erfordernissen des Arbeitens und den Bedürfnissen des Menschen genügen.

Das klingt alles danach, als gäbe es viel zu tun: für die Unternehmen, die Bürogestalter und die Architekten.
Genau so ist es. Es gibt viel anzupacken, zu entwickeln und zu verbessern. Dazu passt ein wunderbares Zitat des kürzlich verstorbenen Ikea-Gründers Ingvar Kamprad: „Das meiste ist noch nicht getan. Wunderbare Zukunft.“

Officina Humana – die Beratungsgesellschaft

Zusammen mit Jan Teunen, der auch Professor für Designmarketing sowie der Geschäftsführer der Teunen Konzepte GmbH ist, hat der Arbeiter Samariter Bund Ende 2017 die Beratungsgesellschaft „Officina Humana“ gegründet. Ihr Angebot richtet sich vor allem an kleine und mittelgroße Unternehmen, die sich eine teure Beratung und deren Umsetzung vielleicht nicht mal eben so leisten können.
 

Die Beratungsmethode von „Officina Humana“ folgt im Wesentlichen fünf Schritten: Zuerst kommt die Anamnese. Dabei wird der Ist-Zustand eines Unternehmens und seiner Büroräume ermittelt. Dann folgt die Diagnose vor Ort. Zusammen mit den Mitarbeitern überlegt ein Beraterteam, wie die Büroumgebung verbessert werden kann. Was wird als negativ empfunden, wo schlummern Potentiale? In der Phase der Medikation entwickelt „Officina Humana“ Ideen und Konzepte für ein optimiertes Umfeld, die dann umgesetzt werden.


Zur weiteren Therapie gehören auch Vorträge zur Unternehmenskultur und das geplante Angebot eines jährlichen Check-ups in den Büros.