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Nichtoffener Wettbewerb | 07/2020

Neubau eines Kinder- und Jugendtheaters für das Theater Ulm

Anerkennung

Preisgeld: 10.000 EUR

Behnisch Architekten

Architektur

Fast + Epp

Tragwerksplanung

Eberl-Pacan Architekten + Ingenieure Brandschutz

Brandschutzplanung

Béla Berec Architektur-Modellbau-Gestaltung

Modellbau

Erläuterungstext

Zur Architektur
Das Theater in Ulm liegt in zentraler Innenstadtlage in unmittelbarer Nachbarschaft zum Bahnhof. Seit der Eröffnung im Jahr 1969 bietet das Theatergebäude den Besuchern ein reichhaltiges und vielfältiges Kulturprogramm. Neben einer Vielzahl an Theatervorstellungen, teilweise Eigenproduktionen, finden immer wieder Konzerte des Philharmonischen Orchesters der Stadt Ulm statt.

Die Junge Ulmer Bühne (JUB) ist heute, in großer räumlicher Distanz zum Theater, in einer umgebauten Turnhalle des Hans-und-Sophie-Scholl-Gymnasiums untergebracht. Weder das aktuell notwendige Raumangebot, noch die allgemeine Erscheinung der Halle ist für die Arbeit eines professionellen Kinder- und Jugendtheaters zufriedenstellend. Wunsch ist es nun, die Nutzungen des Theaters der Stadt Ulm, sowie des Kinder- und Jugendtheaters, an einem Ort zusammenzuführen, sodass ein gemeinsamer und verbindender Ort für kulturelle Aktivitäten in Ulm entsteht. Darüber hinaus soll das heute schon vielfältige Kulturangebot erweitert werden, sodass dadurch alle erdenklichen Möglichkeiten und heute vielleicht noch unbekannten, sowie positiven Synergien der Zusammenarbeit aller Kulturschaffenden aktiviert werden können.

Neben den Aspekten eines "zweckmäßigen" Neubaus sollen ebenfalls die denkmalrechtlichen Belange des bestehenden Theaters angemessen und würdevoll in den Überlegungen für den Erweiterungsbau berücksichtigt werden. Interne räumliche Abhängigkeiten und funktionale Zuordnungen einzelner Bereiche sollen überdacht werden, sodass minimale Eingriffe in den Bestand ausreichen werden, um zukünftig eine optimale organisatorische Lösung für den eigenständigen Betrieb von Theater und Kinder- und Jugendtheater in einem Gebäude anbieten zu können.
Das Raumprogramm und die funktionalen Anforderungen für das neue Haus wurden präzise und detailliert beschrieben. Neben der Neuordnung einzelner Funktionsbereiche für das Theater und das Kinder- und Jugendtheater, soll für die neue Nutzungseinheit die Schaffung einer markanten und einprägsamen Adresse angestrebt werden. Der Theatersaal des Kinder- und Jugendtheaters könnte hierzu einen besonderen Beitrag leisten und gleichwohl identitätsstiftend sein.

Das zur Verfügung stehende Grundstück befindet sich unmittelbar angrenzend an das Theater im Norden. Das Eckgrundstück, begrenzt durch die Zeitblomstraße im Norden und der Neutorstraße im Westen, markiert zukünftig das "Theaterviertel" nach Norden. Das umgebende bauliche Umfeld des Stadtquartiers ist durch eine heterogene Baustruktur geprägt. Das bestehende Theater, als markanter Solitärbau und der klaren Formensprache, charakterisiert den Ort in besonderer Weise. In diesem Umfeld soll das Kinder- und Jugendtheater das kulturelle Leben ergänzen und bereichern.
Die Besonderheit des Orts, die Charakterstärke des bestehenden Theaters, sowie die Möglichkeit eines gemeinsamen und wechselwirkenden Innenlebens, könnten unter Wahrung der Eigenständigkeit beider "Adressen" zunächst konzeptprägende Impulse für eine erste Entwurfsidee hervorbringen.

Eine schöne und facettenreiche Aufgabe, die Neues, Unbekanntes, in Teilen vielleicht Zurückhaltendes, Eigenständiges und auch Unkonventionelles hervorbringen müsste. Nur so wird man den reichhaltig formulierten Wünschen, dem Anspruch an Funktionalität und Erscheinungsbild für das neue Haus selbst, aber auch für das zukünftig entstehende Gesamtensemble, in einem besonderen Masse nachkommen können. Es wird nun ein Baukörper vorgeschlagen, der zunächst den Stadtraum baulich nach Norden ergänzt und harmonisch unaufgeregt ordnet. Das neue Haus komplettiert die Eckbebauung und nimmt ganz selbstverständlich die Gebäudekanten der Nachbarschaftsgebäude auf. Differenziert, ausgewogen und dennoch mit einem spannungsreichen, skulpturalen Ansatz verbunden, staffelt sich der neue Baukörper des Kinder- und Jugendtheaters zum Straßenraum hin ab und vermittelt so mit einer maßstäblichen Angemessenheit. Die Traufhöhen der Umgebung, sowie die differenzierte Höhenstaffelung des Theatersolitärs werden ganz selbstverständlich aufgenommen. Durch seine geometrisch zurückhaltende und orthogonal angelegte Formensprache wird der Baukörper des bestehenden Theaters keineswegs unnötig bedrängt, sondern durch die Ausbildung einer baulichen "Fuge" in seiner Eigenständigkeit gestärkt und hervorgehoben.

Der Hauptzugang zum Kinder- und Jugendtheater erfolgt über die Zeitblomstraße. Der neue Theatersaal, das Herzstück des Kinder- und Jugendtheaters, zeigt sich im Stadtraum und kennzeichnet dadurch den Eingang und somit das Foyer. Der dadurch entstehende Vorplatz empfängt die Gäste und lässt bereits von außen über eine großzügige Verglasung einen Einblick ins Foyer zu. Die warme Farbigkeit des Saals zieht sich in den Innenraum des Gebäudes hinein und unterstreicht damit die Transparenz des Foyers.
Über das Foyer ist der Zuschauerraum, der als flexible Raumbühne mit mobilen Sitzreihen ausgestattet ist, angeordnet. Über eine großzügige Freitreppe gelangt man zum ersten Obergeschoss. Ein kleines Café bietet den Besuchern einen großzügigen Blick zum Stadtraum und über "Guckfenster" einen Einblick ins Theatergeschehen im Saal. Der barrierefreie Zugang für die Besucher ist durch die Anordnung eines Aufzugs gewährleistet, der auch die Möglichkeit bietet, die historischen Gemäuer im 2. Untergeschoss zu besichtigen.
Für die Mitarbeiter und die Künstler wird am Übergang zum Bestand, entlang der Neutorstraße, ein Nebeneingang angeboten, der eindeutig Besucherströme und interne Verkehrswege der Künstler und Mitarbeiter trennen soll. Über den Nebeneingang ist auch eine direkte Anbindung zur Hinterbühne des Saals möglich.

Die Konzeption der Anlieferung des Theaters, über die Durchfahrt von der Zeitblomstraße, wird aufgenommen und in den Überlegungen für die Versorgung des Kinder- und Jugendtheaters berücksichtigt. Im Bereich der "Fuge" vom Neubau und Bestand sind alle dienenden Funktionseinheiten, wie eine Hebebühne für die Anbindung der Werkstattebene, sowie der Lager- und Verteilerflächen im 1. Untergeschoss, eine Treppe und ein Aufzug angeordnet, welche alle Geschosse im Neubau miteinander verbinden. Der bestehende Lastenaufzug, sowie der vorhandene Prospektaufzug im Bestand bleiben erhalten und wurden in den Überlegungen für die Organisation der internen Funktionsabläufe berücksichtigt.

In der Komposition des neuen Baukörpers und der Anordnung der einzelnen Räume zueinander wurde besonderen Wert auf eine optimal funktionierende interne Zuordnung der verschiedenen Funktionseinheiten gelegt. Ebenso war es wichtig die neuen Räume in die Funktionsabläufe des Bestandstheaters so zu integrieren, dass eine uneingeschränkt barrierefreie Anbindung aller Geschosse möglich ist. Vorgeschlagen wird ein Raumgefüge, welches eine klare Funktionsanbindung an den Bestand, mit dem in allen Ebenen ausformulierten und in Nord-Süd-Richtung verlaufenden "Service-Korridor" hat. Ein sinnvoller, in sich verzahnender Organismus von Ebenen, Räumen unterschiedlicher individueller Anforderungen an die notwendige Raumhöhe, sowie Galerien, ergibt sich nahezu spielerisch als gut funktionierende und harmonische Komposition.

Die Lage des Malersaals im 1. Untergeschoss des Neubaus ist so gewählt, dass über einen großzügigen und in der Höhe ausreichend dimensionierten Versorgungsgang, der Prospektaufzug im Bestand ideal angebunden ist. Über das 1. Untergeschoss und den bestehenden Lastenaufzug im Bestand werden alle notwendigen Geschosse im Neu- sowie Altbau barrierefrei versorgt.
Das Magazin und die Bühnentechnik für das Theater sind im 2. Untergeschoss angeordnet. Die Kontur des Grundrisses ist so gewählt, dass die baulichen Überreste der historischen und archäologisch wertvollen Bastionsmauer von den Baumaßnahmen unberührt bleiben und somit erhalten werden können.
Im 1. Obergeschoss sind, zusätzlich zum Café, der Orchesterproberaum und die Probebühne untergebracht. Die Probebühne wurde aus dem Bestand in den Neubau verlegt, sodass die im Bestand frei gewordenen Räume als Schneiderei genutzt werden können.
Im 2. Obergeschoss findet man die beiden Probebühnen und das Kulissenlager des Theaters. Die Studio- / Probebühne, sowie die Werkstatt, Büros und ein Besprechungsraum sind funktional dem Kinder- und Jugendtheater zugeordnet. Über ein bewusstes Verweben beider Funktionseinheiten sollen im alltäglichen Betrieb ungeplante Begegnungen möglich sein.
Der Gedanken von einem "sich spontan über den Weg laufen" soll auch die Zuordnung der Räume im 3. Obergeschoss kennzeichnen. Neben den Lufträumen der darunterliegenden Räume sind hier Werkstätten, Lager und verschiedene Büros, teilweise auch aus dem Bestand verlagerte Büros, untergebracht.
Im 4. Obergeschoss sind die Theaterpädagogik des Kinder- und Jugendtheaters und die Kantine des Theaters mit einer einladenden Außenterrasse zu finden. Die Kantine wurde ebenfalls aus dem Bestand verlagert, dadurch entsteht mit der Neuanordnung ein ganz besonderer Ort im Haus, wo den Mitarbeitern in der Pause ein Blick zur Innenstadt und zum Ulmer Münster geboten werden kann. Die freigewordenen Flächen im Bestand werden für den Einspielraum und das Instrumentenlager genutzt. Weitere Büros befinden sich im 5. Obergeschoss, welches mit einer internen Verbindungstreppe auf kurzem Weg erreicht werden kann.

Der eigenständige Charakter und die baukörperliche Komposition des Kinder- und Jugendtheaters werden durch den Vorschlag der Konstruktionsprinzipien und Auswahl der Materialien unterstützt. Unterschiedlich dimensionierte und in der Maßstäblichkeit angemessen perforierte Profilbleche, mit dahinterliegenden transparenten und opaken Flächen, kennzeichnen das äußere Erscheinungsbild und unterstützen den skulpturalen Charakter des Hauses. Im Inneren sollen einfache, teilweise roh belassene und robuste Materialien zur Ausführung kommen. Als Bodenbelag ist ein geschliffener Estrich vorgesehen, wobei die mit Messingpaneelen belegte Fassade des Saals als charakteristisches Element im Stadtraum und im neuen Foyer eine besondere Atmosphäre vermitteln soll.
Das neue Haus wird einen wunderbaren neuen Stadtbaustein, als harmonische Ergänzung zum bestehenden Theater im Theaterviertel in Ulm, darstellen. Das reichhaltige Angebot an Veranstaltungen wird somit weiter gestärkt werden können, sodass auch zukünftig weitere facettenreiche Veranstaltungen an einem neuen Ort möglich sein werden.
Ein Haus wird entstehen, welches Ulm über die Grenzen der lokalen Stadtkultur hinaus, einen nachhaltigen und respektablen Platz in der Welt der Kulturschaffenden freihalten wird.

Beurteilung durch das Preisgericht

Die Verfasser schlagen einen kubischen Baukörper vor, der durch eine intensive Gliederung der Baumasse eine zurückhaltende Maßstäblichkeit erreicht, die sich dem Hauptgebäude deutlich unterordnet.
Die Proportion der Bauteile nimmt dabei die Höhen und Bauteilgliederungen der Umgebung auf und ordnet sich in das städtebauliche Umfeld ein.
Der in den Gehwegbereich ausgestellte Baukörper des KJT erscheint allerdings an dieser Stelle eher etwas fragwürdig.
Das KJT mit Foyer wird konsequent auf der EG-Ebene angeordnet. Der Eingang ist auf der Nordostecke und bietet damit auch diesem Bereich eine Adresse und Vorderseite. Diese Entscheidung für einen niederschwelligen Zugang und eine klare Orientierung zum öffentlichen Raum wird sehr positiv bewertet. Leider fällt der Zwischenbereich von Bestand und Neubau mit dem dort gelegenen Personaleingang in der Funktion und Qualität hinter der gelobten Situation des Foyers zurück.
Die Andienung erfolgt von Westen über den Innenhof. Material kann dort nur über eine Hebebühne über das Untergeschoss in den bestehenden Lastenaufzug trans-portiert werden, was im täglichen Umgang eher kritisch gesehen wird. Darüber hinaus erscheint die Verbindung zum bestehenden Lastenaufzug etwas zu eng.
Bis auf den Foyerbereich des KJT, das sich mit einer zweigeschossigen Glasfassade zum öffentlichen Raum öffnet wird das Gebäude in ein durchgängiges Kleid aus gelochtem Stahlblech gehüllt. Hinter dieser durchgängigen Fassade wird eine normale Befensterung angeordnet. Es wird bezweifelt, ob diese Materialwahl geeignet ist, dem Zurückhaltenden Baukörper ausreichend Wertigkeit zu geben.
Die Organisation der Funktionen ist schlüssig und funktional und lässt eine effiziente Abwicklung der Abläufe erwarten. Allerdings ergeben sich zum Teil sehr lange Flure, die zumindest in Teilen keine große Qualität ergeben.
Die Anordnung des Orchesterprobenraums direkt an der Ebene des Saales wird begrüßt. Der Malersaal ist durch die indirekte Belichtung voraussichtlich eher etwas zu dunkel.
Die Kantine wird aus dem Bestand verlegt, da hier keine ausreichende Belichtung mehr gegeben ist.
Die neue Lage auf dem Dach des neuen Hauptbaukörpers ergibt einen qualitätsvollen Ort, die Entfernung zu den Spielflächen und die Frage der Zugänglichkeit für Außen-stehende wird kritisch diskutiert.
Der zweite Fluchtweg aus den beiden Dachgeschossen erfolgt als Wendeltreppe auf die Dachfläche des Hauptbaukörpers. Dies müsste mit der Feuerwehr abgestimmt werden.
Positiv zu vermerken ist die Rücksichtnahme des zweiten Untergeschosses auf die historische Bastionsmauer, die in diesem Bereich erhalten und ggf. unterirdisch sichtbar gemacht werden kann.
Der Entwurf bleibt in allen Kennwerten deutlich unterhalb des Durchschnitts der Arbeiten und lässt damit einen eher kostengünstigen Entwurf erwarten.
Insgesamt bietet die Arbeit eine gute Antwort auf die gestellte Aufgabe. Sie fügt sich mit einer gelungenen Gliederung der Baumasse in die Umgebung ein ermöglicht für das KJT eine klare Adresse. Allerdings besteht die grundsätzliche Frage, ob der Baukörper ausreichend Kraft entwickelt, um der schwierigen städtebaulichen Situation einen neuen Halt zu geben.
Eberl-Pacan Architekten + Ingenieure Brandschutz

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